Wer hat eigentlich das Pflegeheim erfunden?

Gut geführte Seniorenheime? Ja, es gibt sie. Pflegeheime, in denen sich motivierte Pflegekräfte Zeit nehmen für die Bewohner, in denen Rücksicht auf Eigenarten und individuelle Ansprüche genommen wird. Altenheime, die mehr an ein Hotel als an ein Pflegeheim erinnern.

Aber die Öffentlichkeit sieht das nicht immer so. Bei den Menschen hat sich ein anderes Bild durchgesetzt, vor allem bei jenen, für die die Pflegeheime errichtet wurden. Der »Deutsche Altenpflege-Monitor 2007«, eine repräsentative Umfrage unter den über 50-Jährigen, zeigt klar:

  • Nur 8 % wollen sich im Heim pflegen lassen.
  • 70 % entscheiden sich für die Pflege zu Hause.

100.000 illegale Haushaltshilfen

Pflegeheime genießen bei den meisten Menschen nicht den Ruf, den sie sich gerne wünschen. Es verging in den letzten Jahren ja auch kaum ein Monat, in dem nicht von unerfreulichen Ereignissen in Pflegeheimen zu hören war. Und als aufmerksamer Zeitungsleser gewinnt man nicht den Eindruck, dass sich daran im Kern etwas geändert hat. Die Gründe sind vielfältig, und der Ruf der Branche tut einem leid für jene Altenheime und Pflegedienste, die mit großem Elan gegen diese verbreitete Meinung ankämpfen. Tatsache ist aber auch, dass viele Familien für die Pflege ihrer Angehörigen einen anderen Weg gewählt haben: Man geht davon aus, dass etwa 100.000 illegale Kräfte aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern in Deutschland das leisten, was andere Institutionen nicht leisten können. Warum ist das so?

  • Pflegeheime sind teuer. Selbst wenn die Pflegekasse einen Teil der Kosten übernimmt, bleibt bei vielen Menschen eine Deckungslücke, die oft vierstellig ist. Und wenn die Familie nicht in der Lage ist, diese Kostenlücke zu füllen, muss verkauft werden, wofür ein Leben lang gearbeitet und gespart wurde: das eigene Heim.
  • Kosten und Leistung im Pflegeheim stehen in keinem Verhältnis zueinander. Ein durchschnittlicher Platz im Pflegeheim kostet zwischen 2500 und 4000 Euro monatlich. Es gibt sicher gute Argumente, warum die Kosten so hoch sind, aber das Unverständnis darüber will sich trotzdem nicht verflüchtigen. Vor allem wenn man sieht und immer wieder lesen muss, dass viele Pflegeheime nur Verwahranstalten sind, in denen Zuwendung sich nach Minuten bemisst und der Tagesablauf vom Unternehmensberater festgelegt wird.
  • Im Pflegeheim ist Endstation. Der Umzug ins Pflegeheim ist der letzte Umzug im Leben und jener, der am wenigsten gewünscht ist. Wen wundert es, dass der Mensch nach dieser Entwurzelung Kraft und Hoffnung verliert? Wer »im Heim landet«, so die Empfindung, ist endgültig alt, kostet nur noch und macht sich nicht mehr nützlich.

Niemand will nutzlos sein

Niemand will als Kostenfaktor gelten, niemand will nutzlos sein. Vor allem will niemand getrennt von Freunden, Familie und Nachbarn leben. Warum hat man sich denn ein Haus gebaut? Um es dann, wenn man den Schutz der eigenen vier Wände am meisten braucht, verlassen zu müssen? Um fortan mit Menschen zusammenleben zu müssen, die man sich nicht selbst ausgesucht hat? Die Generation, die heute alt ist, hat Unternehmen geleitet, Kinder groß gezogen, Städte gebaut, den Menschen zum Mond gebracht und den Computer erfunden. Im Pflegeheim werfen sich die gleichen Menschen am Dienstag die blauen Bälle zu und am Freitag die roten. Und zwar unter Anleitung.

Dann doch lieber zu Hause bleiben. Das Haus muss bewirtschaftet werden, der Klönschnack mit den Nachbarn ergänzt die Lokalnachrichten, der Kater fordert Aufmerksamkeit und Leckerchen, der Enkel will sein Taschengeld mit Rasenmähen aufbessern, die Kinder kommen wie jedes Jahr Weihnachten zu Besuch. Es gibt zu Hause immer irgendetwas zu tun.

Man muss ja nicht mehr alles alleine machen. Wie schön, wenn es Hilfe gibt. Noch schöner, wenn diese Hilfe legal und deshalb mit gutem Gewissen in Deutschland arbeitet. Auch wenn es immer wieder Institutionen gibt, die sich daran stören, dass diese Hilfe nicht aus Deutschland kommt. Und die behaupten, dass Haushaltshilfen aus Osteuropa in Deutschland ausgebeutet werden. Dann wollen wir doch mal vergleichen:

  • Heike (45) aus Hamburg erhält als Verkäuferin, angestellt in einem der größten Warenhäuser der Stadt, 1600 Euro brutto. Davon gehen alle Sozialleistungen, Pflichtbeiträge, die Miete, Mietnebenkosten, die Monatskarte für die Bahn sowie die Kosten für Essen und Trinken ab. Heike verbleiben »zum Leben« 400 Euro.
  • Lilia (46) aus Sofia muss nicht jeden Tag acht Stunden stehen. Früher war sie Krankenschwester. Heute macht sie Frühstück, Mittag, Abendessen und geht zweimal pro Woche einkaufen. Je nach Bedarf fegt sie den Gehweg, gießt die Blumen, putzt die Fenster, bezieht die Betten oder bügelt die Blusen. Tagsüber liest sie viel, geht spazieren oder lernt Deutsch. Lilia fährt nach einem Monat nach Abzug aller Kosten mit knapp 1000 Euro zurück nach Bulgarien. Ihr Nachbar in Sofia ist Lehrer. Er hat nicht mal ein Fünftel verdient.

Beide, Heike und Lilia, haben Pläne für die Zukunft. Heike wird wohl auch in 15 Jahren noch Verkäuferin sein. Lilia lebt dann schon seit Jahren wieder in Bulgarien. Sie hat längst ihr Ferienhaus an der Schwarzmeerküste abbezahlt und vermietet es: an Urlaubsgäste aus Deutschland.